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 Spanisch Reiten

Fragt man außerhalb Spaniens jemanden nach der “spanischen Reitweise”, erhält man meist die ziemlich unsichere Beschreibung eines aus verschiedensten Elementen zusammengesetzten Reitstils. Dinge wie Sattel, Zäumung und die Tracht des Reiters spielen ebenso eine Rolle im Bewußtsein des Mitteleuropäers, wie die augenscheinliche Leichtigkeit des spanischen Reitens an sich. Die Beine des Reiters befinden sich nur locker am Pferd, kein Riegeln vorne, kein krampfhaftes Treiben hinten: durch fast unsichtbare Gewichtshilfen, ein leichtes Kontaktnehmen des Zügels mit dem Hals des Pferdes, ja fast nur durch einen Gedanken “zaubert” der Spanier mit seinem Pferd die unglaublichsten Lektionen wie Piaffe, Passage, Spanischer Schritt, Knien und vieles mehr.

Reiten im bequemen Sattel, Kontrolle des Pferdes durch bloße Gewichtsverlagerung, ein absolut gehorsames Pferd als Partner und all das vor dem Hintergrund des spanischen Lebensgefühls und seiner Tradition: dies klingt reizvoll und verleitet so manchen Freizeitreiter zu einem “spanischen Traum”, dem Traum nämlich, als Alternative zu der “trockenen, lehrbuchhaften Schulbuchreiterei” sein Pferd “Iberisch” auszubilden. Der Wunsch, der vielfach hinter dieser Vorstellung steht, ist, ein leichtrittiges Pferd zu besitzen, das mit seinem Reiter über andeutungsweise Hilfen kommuniziert und vom Reittier zum Partner wird.
Das hierzulande sehr beliebte “iberische Reiten” ist ein Mischstil, der, zum größten Teil auf der Basis der spanischen Doma Vaquera entstanden, doch viele Anleihen aus der akademischen Reiterei und anderen Reitweisen entnahm.
Während die Doma Vaquera in erster Linie eine Arbeitsreitweise ist, deren Elemente aus der Notwendigkeit entstanden, den Rindern in freier Wildbahn die (über-) lebensnotwendigen Reaktionen abzufordern, stellt die akademische Reiterei (Doma alta) eine Reitform dar, deren Purismus in erster Linie an den Höfen der Aristokratie gepflegt wurde.

Das ideale Doma Vaquera Pferd

Eines der wichtigsten Kriterien für ein Doma Vaquera Pferd ist die Harmonie seines Körperbaues: das Pferd soll auf keinen Fall zu groß und zu lang sein. Ein Stockmaß von etwa 1,60 Metern wird heute als ideal gesehen. 
Weiters ist die Setzung des Pferdes, wobei die Vorderhand entlastet und fast bodenfern zum Einsatz kommt, ein sehr wichtiger Aspekt, weil man dadurch sehr enge Wendungen durchführen kann. Absolute Vorraussetzung für die kräftezehrende Arbeit auf unebenem, steinigem Boden sind kräftige Gelenke, gesunde und belastbare Bänder, Sehnen und Hufe. Der Kopf soll klein und fein sein, mit breiter Stirn, großen Augen, kleinen Ohrmuscheln und zartem Maul. Das gesamte Pferd soll edel und elegant wirken und eine natürliche Selbsthaltung zeigen. Bezüglich der Farbe gibt es bei Doma Vaquera Pferden keinerlei Präferenzen.

Nur Pferde mit großem Herzen, ausgesprochenem Vorwärtsdrang und Nerven “wie Stahlseilen” werden die Herausforderung ihrer Arbeit annehmen und umsetzen können. Schnelle Reaktionsfähigkeit und gute Reflexe befähigen ein Doma Vaquera Pferd zur Ausführung einer Übung, noch bevor der Reiter diese von ihm verlangt hat.
Hier finden wir das, wovon der Freizeitreiter unserer Breiten träumt: 
Das Steuern des Pferdes durch den bloßen Gedanken! 
Trotz dieser hohen Sensibilität, die von einem Doma Vaquera Pferd erwartet wird, muß es vernünftig und willig sein. In keiner Situation soll es Nervosität oder gar Angst zeigen. Dies ist vielleicht der Hauptgrund, warum in der Feldarbeit fast ausschließlich Wallache und Stuten zum Einsatz kommen. Hengste reagieren oft spontaner und behalten durch ihre natürlichen Instinkte einen gewissen Rest an unvorhersagbaren Reaktionen, die im Arbeitseinsatz tödlich sein können.

Die Hilfen des Reiters

Die Hilfen des Reiters werden in natürliche Hilfen (Gewicht, Schenkel, Hände, Stimme) und künstliche Hilfen (Sporen, Gerte) unterteilt. Die künstlichen Hilfen dienen, richtig angewendet, der Verstärkung oder Verdeutlichung der natürlichen Hilfen. In der Regel unterscheiden sich die natürlichen Hilfen, die in der Doma Vaquera angewendet werden, nur unwesentlich von den in der klassischen Dressur verwendeten.
Eine Eigenart der Hilfen gibt es bei den Schenkelhilfen: in der graduellen Steigerung der Intensität kommt zuerst die Wade, dann die Kante des Doma Vaquera Steigbügels und zuletzt der Sporn zum Einsatz. 
Wie auch bei der klassischen Dressur sollen die Schenkel in ständigem Kontakt mit dem Pferdeleib sein. Durch ihre Wirkung auf die Hinterhand des Pferdes wird diese dazu angehalten, kraftvoll auszuschreiten und mit zunehmendem Ausbildungsniveau zusehends mehr Gewicht des Pferdes zu übernehmen. 
Eine weitere Eigenart der Doma Vaquera ist die Haltung und Anwendung der Zügel, wobei wir hier einen großen Unterschied zwischen der Ausbildung eines jungen Pferdes und der Anwendung bei bereits ausgebildeten Pferden machen müssen.
Grundsätzlich ist die Zügelwirkung ähnlich wie in der klassischen Dressur. Je nach Ausbildungsgrad kommen in der Doma Vaquera folgende Zügelkombinationen zum Einsatz, wobei gilt, daß grundsätzlich jedes Pferd mit vier Zügeln angeritten wird:

Vier Zügel, mit Kandare:
zwei Hilfszügel in den Augen der Kandare, zwei Hauptzügel in den Kandarenunterbäumen. Diese Kombination wird bei Pferden angewendet, die bereits fortgeschritten angeritten sind.

Zwei Zügel mit Kandare:
zwei Hauptzügel in den Kandarenunterbäumen. Das Ziel der Ausbildung ist es, das Pferd mit minimaler Handeinwirkung auf diese Weise reiten zu können. 
Auch die Form der Zügelführung variiert, je nach Vorliebe des Reiters und Ausbildungsstand des Pferdes. Zu Beginn ist es üblich, die beiden Zügelpaare getrennt in zwei Händen zu führen (vergleichbar der klassischen 2-2- Zügelführung beim Reiten auf Kandare mit Unterlegtrense). Die Hände werden tief und breit geführt, damit wird dem jungen Pferd am leichtesten verdeutlicht, was von ihm verlangt wird.
Eine weitere, allerdings auch kompliziertere Führung: Man nimmt alle Zügel in die linke Hand. 
Beim fortgeschrittenen Doma Vaquerea Pferd, das nun lediglich mit zwei Kandarenzügeln geritten wird, werden beide Zügel in der linken Hand geführt, getrennt nur durch den kleinen Finger.
Man kann sich vor Augen führen, wie minimal die Hilfen für die schwierigsten Übungen ausfallen, wenn man diese Techniken beherrscht.

Die Ausrüstung

Die Satteltypen:
Generell werden in Spanien neben dem englischen Sattel, der auch hier zur Anwendung kommt, zwei Satteltypen verwendet: die Silla espanola (der Spanische Sattel) und die Silla vaquera (der Vaquerosattel), die in verschiedenen Formen und Ausführungen existieren.
Beide Formen weisen eine extrem große Auflagefläche auf. Dadurch verteilen sie das Gewicht des Reiters optimal auf dem Pferderücken und sind trotz ihres gegenüber dem englischen Schulsattels deutlich höheren Gewichtes sehr angenehm für das Pferd.
Darüberhinaus gibt es aber eine Vielzahl an anderen Sätteln, die meist Mischtypen aus den beiden genannten Sätteln und/oder dem portugiesischen Sattel sind. 
Bezeichnungen wie Royal, Jerezana, Mixta, Riano, Potrera und andere mehr, die sich häufig nur sehr schwierig voneinander abgrenzen lassen, machen eine eindeutige Zuordnung selbst für Kenner schwierig.
Der Spanische Sattel:

Dieser Satteltyp kommt vor allem in der klassischen Reiterei und beim Anreiten junger Pferde zum Einsatz. Im Doma Vaquero Bewerb ist dieser Sattel für die Kategorie der jungen Pferde zugelassen.
Die Espanola erinnert in ihrer Form an den englischen Sattel, auch wenn sie an Vorder- und Hinterzwiesel hochgezogene Wülste zur Sicherung des Reitersitzes aufweist. Der Vorderwulst ist mäßig hoch und gerundet, der flachere Hinterzwiesel zieht sich etwas höher hinauf und umfaßt die Gesäßbacken des Reiters. Das Sattelblatt ist rund. Beiderseits unter den Satttelblättern finden sich Schnallen zur Befestigung des Sattelgurtes. Die Schnallen der Steigbügel sind ebenfalls unter den Sattelblättern verborgen und nur über einen kleinen Ausschnitt zugänglich, was das Verstellen der Bügellänge etwas schwieriger gestaltet als beim englischen Sattel. An der Vorderseite des Sattelblattes befindet sich ebenfalls ein schmaler Wulst, um das Knie zu stützen. Die Sitzfläche verläuft in leichtem Aufwärtsschwung von vorne nach hinten.
Normalerweise wird dieser Sattel wie auch der Vaquerosattel ohne Satteldecke direkt auf den Pferderücken gelegt. Gründliches Trocknen nach jeder Verwendung ist natürlich Voraussetzung für eine lange Lebensdauer des Sattels. Obligatorisch für den großen und schweren spanischen Sattel ist der Schweifriemen, der ein Verrutschen nach vorne verhindern soll.

Die Silla espanola wird mit einem fixen Sattelbaum gebaut, was einen ihrer wesentlichsten Unterschiede gegenüber dem Vaquerosattel ausmacht. Logischerweise ist ihre Paßform daher auch weniger variabel als die des Vaquerosattels, genaues Messen und Probieren sind Voraussetzung für einen exakt passenden Sattel.
Eine der gesäßfreundlichsten Erfindungen der Reiterei überhaupt ist der Lammfellüberzug, der sommers wie winters die gesamte Lederoberfläche des spanischen Sattels bedeckt, bei Bedarf jedoch abnehmbar ist. Vollkommen nahtlos gearbeitet, vermittelt er ein weiches und bequemes Sitzgefühl, das seinesgleiches sucht.
Um die allzuschnelle Abnützung des Fellüberzuges in der Schenkellage zu verhindern, ist an dieser Stelle ein breiter Lederstreifen eingearbeitet.
Zur Silla espanola gehört ein eigener, typischer Steigbügel. Er ist schwer und aus gerundetem Eisen und verfügt über eine etwas breitere Basis als der englische Steigbügel. Häufig werden jedoch auch für den Spanischen Sattel Vaquerosteigbügel verwendet.

Der Vaquerosattel:

Der Vaquerosattel ist wohl der am häufigsten gebrauchte Sattel in Spanien. Sein Gebrauch ist im Prinzip reserviert für bereits ausgebildete Pferde, dennoch wird er sehr häufig auch für das Anreiten junger Pferde benützt. Die wichtigste Bedingung für einen guten Vaquerosattel ist, daß er bequem und praktisch ist. Jedes seiner Elemente hat eine Funktion, die sich aus der Arbeit im Feld herleiten läßt.
Traditionellerweise wird der Vaquerosattel aus gepresstem Stroh hergestellt, das zwischen Leder und Sackleinen in mehreren Rippen eingennäht wird. Die einzigen Metall- oder Holzteile legen die Form des Vorder- und Hinterzwiesels fest, der Rest des Sattels ist flexibel und paßt sich jedem Pferderückem optimal an. 
Gegurtet wird die Silla Vaquera mittels eines 1,70 Meter langen Gurtes, der zwischen Sattelkörper und Lammfellbezug rund um das Pferd läuft. Auf der einen Seite endet der Gurt in einem Ring, auf der anderen in einem etwas schmaleren, 90 Zentimeter langen Gurtstück, das durch den Ring gezogen und mittels einer Schnalle fixiert wird. Der Vorderzwiesel des Vaquerosattels ist etwas schmaler als beim spanischen Sattel. Der Hinterzwiesel ist hoch aufgezogen und verleiht dem Sitz des Reiters Festigkeit auch bei plötzlichen Sprints und Wendungen seines Pferdes.

An beiden Seiten des Sattels befinden sich Schnallen für die Bügelriemen. Die Steigbügelriemen des Vaquerosattels sind 1,70 Meter lang und werden dreimal überschlagen, bevor sie in den am Sattel befestigten Schnallen fixiert werden. Das Verstellen der Bügellänge vom Sattel aus wird zum Kunststück.
Die typischen Vaquerosteigbügel sind Kastenbügel aus patiniertem Eisen, in denen der ganze Fuß des Reiters Halt und Schutz findet. Der Lammfellüberzug (Zalea) des Vaquerosattels ist mit diesem untrennbar verbunden und wird mit drei Lederbändchen befestigt. Im Gegensatz zur Silla espanola werden beim Vaquerosattel Vorder- und Hinterzwiesel vom Fell ausgespart. Auch die Silla Vaquera wird mit Schweifriemen geritten, das Vorderzeug kommt auch hier wahlweise zum Einsatz. 
Der Vollständigkeit halber sei hier auch noch ein Zubehör erwähnt, das vor allem in den Fiestas, den spanischen Festen zum Einsatz kommt: die grupera, das Sitzkissen für die spanischen Damen, die ihre Kavaliere auf der Kruppe des Pferdes zur Feier begleiten. Dieses Sitzkissen aus Leder oder Leinen kann am Sattel mit zwei Riemen befestigt werden.

Zäumung und Zügel:

Das spanische Arbeitspferd wird mit zwei Zaumzeugtypen gezäumt:

  • dem Jerezana-Zaum, der aus Stirnriemen, einem Backenstück, das links verschnallt wird, und einem Nasenriemen besteht, oder 
  • dem Sevillana-Zaum, der zusätzlich zu den obengenannten Teilen über einen Kehlriemen verfügt und dessen Backenstück beiderseits verschnallt wird.

Gemeinsam ist beiden Zäumungen der typisch spanische Stirnriemen, das Mosquero. In seiner einfachen Form besteht das Mosquero aus rund 14 in den Stirnriemen eingearbeiteten Lederstreifen, die über das Gesicht des Pferdes bis etwa vier Finger über den Nasenriemen herabhängen. Die Funktion des Mosquero leitet sich von seinem Namen ab und ist denkbar einfach: da den Arbeitspferden in der Regel der Schopf geschoren wird, hält die ständige Bewegung des Mosquero bei der Arbeit die Fliegenschwärme von den Augen und Ohrmuscheln des Pferdes fern. 
Ein korrekt gerittener Schritt ist stets von einer mehr oder minder starken Nickbewegung des Pferdekopfes begleitet. Das Mosquero macht jede dieser Bewegungen in rhythmischem Links- Rechts- Schwung mit und verrät so unbestechlich jeden auch noch so kleinen Takt- und Rhythmusfehler des Pferdes. Auf diese Weise wird das Mosquero zur unverzichtbaren Ausbildungshilfe bei der Arbeit mit jungen Pferden. 

Die spanische Kandare:

Das in der Doma Vaquera verwendete Gebiß ist die Vaquerokandare die blank, also ohne Unterlegtrense, eingesetzt wird. Diese Kandare ist das Resultat jahrhundertelanger Überlieferung und Tradition und wird aus Eisen oder ähnlichen Materialien hergestellt. Verpönt sind nichtoxidierbares Material oder verchromte Teile: was eine echte Vaquerokandare sein will, muß rostig oder zumindestens patiniert sein. 
* Asa de Caldera: Die Teekannenhenkelstange, die die heutzutage gebräuchlichste Kandarenform darstellt. Der mehr oder minder sanfte Schwung der Zungenfreiheit übt eine schonende Wirkung auf das Pferdemaul aus.
Die Vaquerokandare besteht aus dem Mundstück mit mehr oder weniger ausgeprägter Zungenfreiheit und zwei Kandarenbäumen, die sich in Oberbaum und Unterbaum unterteilen lassen. Die beiden Unterbäume sind meist durch eine Distanzstange verbunden, die bei kürzeren Unterbäumen gebogen ist, um das Kinn des Pferdes nicht zu berühren, bei längeren Unterbäumen jedoch gerade ist.
Fixiert wird die Kandare mittels einer Kinnkette aus flachen Kettengliedern oder dem älteren, klassischeren “Kinnreif”, einem glatten, halbmondförmigen Eisenstück, das anstelle der Kinnkette in die dafür vorgesehenen Haken der Kandarenstange eingehakt wird. Die Effezienz der Vaquerokandare wird durch verschiedene Faktoren bestimmt:

  • durch die Dicke der Stange
  • durch die Ausprägung und Form der Zungenfreiheit
  • durch die Proportionen der Kandarenbäume, sprich das Verhältnis von Oberbaum zu Unterbaum
  • durch die Spannung der Kinnkette oder des Kinnreifs

Das Verhältnis Oberbaum zu Unterbaum ist im Normalfall 1:3, reagiert ein Pferd überempfindlich auf die Kandareneinwirkung, so ist das Verhätnis dementsprechend herunterzusetzen. 
Am weichsten wird die Kandare sein, die mit dicker Stange, mäßiger Zungenfreiheit und relativ kurzen Kandarenunterbäumen auskommt. Die Kinnkette wird so gespannt, das sie dann bei angenommenen Zügel wirkt, wenn Unterbaum und Maulspalte einen Winkel von 45 Grad ergeben.

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